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Kurzbiografien Karl Bergwitz - Physiker,
Grundlagenforschung zur Kosmischen Strahlung |
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Fragen oder Hinweise bitte an Rudolf Fricke richten. |
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Friedrich Oskar Giesel (1852 – 1927)
1898 fand Marie Curie in Uranrückständen das radioaktive Element Polonium. Giesel, ein ausgewiesener Extraktionsfachmann, nahm die Mitteilung darüber höchst interessiert auf und versuchte sofort selbst die Darstellung des Poloniums. Ohne Probleme gelang es ihm, eine Substanz mit radioaktiven Eigenschaften zu isolieren. Giesel präsentierte dann sein Präparat auf einer Versammlung des Braunschweiger Vereins für Naturwissenschaften; das war am Abend des 2. März 1899. Allerdings konnte es nach seinem Urteil kein Polonium sein. Wie sich wenig später herausstellte, hatte er zeitgleich zu dem Ehepaar Curie das Radium entdeckt. Giesel konzentrierte sich auf die Fortentwicklung des Verfahrens zur Darstellung radioaktiver Präparate und brachte schließlich radioaktives Material in den Handel. In überaus großzügiger Weise stellte er Wissenschaftlern Präparate für ihre Forschungsarbeiten zur Verfügung. Otto Hahn, Stefan Meyer, Frederik Soddy und sogar das Ehepaar Curie gehörten zu seinen Kunden. Ernest Rutherford, eine Koryphäe seiner Zeit, schrieb einmal, dass er und die gesamte fachwissenschaftliche Welt Giesel für die Bereitstellung von radioaktivem Material zu größtem Dank verpflichtet seien. Giesel überzeugte seinen Arbeitgeber davon, die Radiumproduktion und den erwerbsmäßigen Vertrieb in die Firmengeschäfte mit aufzunehmen. 1902 findet sich erstmals ein Hinweis darauf, dass man über die Braunschweiger Chininfabrik Radiumsalz käuflich erwerben konnte. Es entwickelte sich ein eigenständiger Betriebszweig. Noch heute firmiert in Braunschweig ein Nachfolgerunternehmen mit dem Verstrieb radioaktiver Stoffe. Bei seinen in viele Richtungen betriebenen Arbeiten zur Gewinnung radioaktiver Präparate glaubte Giesel einmal, ein bisher noch unbekanntes radioaktives Element entdeckt zu haben. Er gab der Substanz den Namen Emanium. Nach erbittertem Prioritätsstreit musste er jedoch eingestehen, dass es sich dabei um das bereits Ende 1899 von dem Franzosen Debierne entdeckte Actinium handelte. Unstrittig ist aber seine Entdeckung des Actinon (Rn 219). Gegen Ende 1902 machte Giesel eine andere interessante Entdeckung. Er fand, dass ein Schirm aus Zinksulfid, Sidot-Blende genannt, unter dem Einfluss radioaktiver Strahlen phosphoresziert. Mit dem ihm eigenen Weitblick nutzte er die Erscheinung zur Herstellung selbstleuchtender Farben und ließ sich sein Verfahren patentieren. Die Gieselsche radioaktive Leuchtmasse fand dann unter anderem in Armaturen Anwendung, die auch in Dunkelheit ablesbar sein sollten. Ein weit verbreitetes Einsatzgebiet waren Taschen- und Armbanduhren. Der ungeschützte Umgang mit den strahlenden Substanzen forderte seinen Tribut von Giesel. Ihm mussten Finger der rechten Hand amputiert werden, weil sie verstrahlt waren und er erkrankte unheilbar an Lungenkrebs. Nach quälendem Siechtum ist er am 13. November 1927 verstorben. |
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Julius Elster (1854 – 1920) und Hans Geitel (1855 –
1923)
Ihr forschendes Hauptinteresse galt der Elektrizität der Atmosphäre. Ihre vor mehr als einhundert Jahren formulierte, auf Reibung von Wassertröpfchen basierende Theorie zur Ladungsentstehung in Gewitterwolken findet sich in wesentlichen Bestandteilen noch heute in den Physiklehrbüchern wiedergegeben. Über Jahre hinweg registrierten sie systematisch die Elektrizitätsverhältnisse der Atmosphäre, sie erkundeten Beziehungen zur Jahreszeit und zu regionalen Gegebenheiten. Zur Beschreibung der Ladungsverteilung entwickelten Elster und Geitel die Modellvorstellung eines Kugelkondensators: Der Erdkörper und die bodennahe Luft trägt die negativ elektrische Ladung; die positive elektrische Ladung ist wie auf Kugelschalen angeordnet in den höheren Luftschichten verteilt. Sie leiteten eine neue Forschungsphase ein, als sie die Ionenlehre auf den Bereich der atmosphärischen Elektrizität übertrugen. Den Ionenerzeuger vermuteten sie lange Zeit im Sonnenlicht. Schließlich konnten sie aber zeigen, dass hierfür die Umweltradioaktivität verantwortlich ist. Zur Untermauerung wiesen sie das Vorhandensein radioaktiver Stoffe im Erdboden und der atmosphärischen Luft nach. 1907 beschäftigten sie sich mit einer möglichen Beziehung der Radioaktivität zur Erdwärme. Elster und Geitel waren es auch, die als Erste die Radioaktivität als eine Erscheinung von Atomzerfallsprozessen ansahen und eine Zerfallskette radioaktiver Elemente postulierten. Damit durchbrachen sie das Dogma von der Unwandelbarkeit der Elemente. Bei der Auseinandersetzung mit dem Phänomen der Radioaktivität gingen Elster und Geitel also weit über geophysikalische Fragestellungen hinaus. Mit der Frage, unter welchen Umständen
entgegengesetzt geladene, voneinander isolierte Körper ihre Ladung
ausgleichen können, stießen sie in ein weiteres die Wissenschaftswelt damals
beherrschendes Forschungsgebiet vor, in das der Kathodenstrahlen. Sie ließen
sich dafür unter anderem Glaszellen herstellen, in denen eine Elektrode als
elektrisch beheizter Glühdraht ausgebildet war. Elster und Geitel hatten
damit ein Bauteil geschaffen, das später als Glühkathodenröhre für die
Elektronik unverzichtbar wurde. In Anerkennung ihrer wissenschaftlichen Leistungen wurde Elster&Geitel von naturwissenschaftlichen Gesellschaften zu Ehrenmitgliedern ernannt, sie erhielten Ehrendoktortitel und sie waren sogar sieben Mal für den Physik-Nobelpreis nominiert. Julius Elster ist am 24. Dezember 1854
in Blankenburg a.H. geboren worden. Geitels Geburtsort ist Braunschweig, sein
Geburtsdatum der 16. Juli 1855. 1862 wurde Hans Geitels Vater die Position des
Forstmeisters in Blankenburg übertragen. Ein Jahr später bezog die Familie
ein Haus, das unmittelbar neben dem der Familie Elster lag. Zwischen den
beiden so zu Nachbarn gewordenen Julius Elster und Hans Geitel entwickelte
sich eine tiefe, lebenslang bestehende Freundschaft. Gefördert von den
Eltern, einigen Verwandten und weitsichtigen Lehrern konnten Elster und
Geitel ihr Interesse an den Naturwissenschaften und der Technik entwickeln. Sie wandten sich dem Studium der Physik und Mathematik zu. Danach trennten sich kurzzeitig ihre Wege. Geitel erhielt am Wolfenbütteler Gymnasium Große Schule eine Anstellung als Lehrer. Elster promovierte in Heidelberg, leistete einen einjährigen Wehrdienst ab und trat schließlich als Lehrer in das Blankenburger Gymnasium ein. 1881 erhielt er seine Versetzung an das Wolfenbütteler Gymnasium, wo Geitel bereits seit zwei Jahren seinen Schuldienst versah. 1886 heiratete Julius Elster und bezog mit seiner Frau eine geräumige Villa. Wie selbstverständlich erhielt auch Geitel, der bis kurz vor seinem Tode unverheiratet blieb, in dem Haus eine Wohnung. Im Keller des Hauses richteten sich die beiden Wissenschaftler ein Privatlabor ein. 1919 diagnostizierte man bei Julius Elster eine Erkrankung an Diabetes mellitus. Er starb am 8. April 1920 während eines Kuraufenthaltes in Bad Harzburg. Hans Geitel übernahm bald darauf an der Technischen Hochschule in Braunschweig eine außerplanmäßige Professorenstelle. Er konnte diese Aufgabe aber nicht mehr sehr lange ausfüllen. Er starb am 15. August 1923. |
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Karl Friedrich August Bergwitz (1875 – 1958)
Bergwitz studierte in Berlin und Göttingen Mathematik und Naturwissenschaften und promovierte in Rostock. Danach übernahm er in Darmstadt eine Assistentenstelle. Im Januar 1900 legte Karl Bergwitz die Staatsprüfung für das höhere Lehramt ab und erhielt am Gandersheimer Gymnasium eine Anstellung. Im April 1904 wurde er zum Studienrat ernannt und zwei Jahre später nach Braunschweig versetzt. 1924 übernahm Bergwitz die Leitung des Braunschweiger Reformrealgymnasiums. In dieser Stellung entfaltete er viele nachhaltig wirkende Aktivitäten. Beispielsweise erlangte die Lehranstalt in seiner Amtszeit eine herausragende Stellung im Schulsport, bei Braunschweiger Unternehmen erwirkte er Sach- und Geldspenden für die Qualifizierung von Unterrichtsangeboten. 1943 wurde ihm auch die Leitung des Gymnasiums Martino Katharineum übertragen. Diese schwierige Doppelfunktion füllte er bis zu seiner Pensionierung im Herbst 1945 aus. Unmittelbar nachdem Karl Bergwitz 1906 seine Versetzung nach Braunschweig erhalten hatte, übernahm er an der Technischen Hochschule zunächst vertretungsweise Vorlesungen und bot schließlich als Privatdozent eigene Lehrveranstaltungen an: Die Gaselektronik, die atmosphärische Elektrizität, die Radioaktivität und die Geschichte der Physik sind seine behandelten Themen. 1915 ernannte ihn das Staatsministerium zum Professor. In eigenen Forschungsprojekten griff er Arbeiten von Elster und Geitel zur Fotometrie, zur atmosphärischen Elektrizität und zur Radioaktivität auf. Wie seine großen Vorbilder ertüftelte er für seine Forschungsbelange Gerätekonstruktionen und Messeinrichtungen. Zwei davon ließ er sich patentieren. In ein bemerkenswertes Forschungsgebiet stieß Bergwitz vor, als er damit begann, die ionisierende Strahlung des Erdkörpers zu untersuchen. Ungeklärt war seinerzeit die Frage, ob und in welchem Maß diese noch in größeren Höhen vorhanden ist. Er nutzte 1908 einen Freiballonflug des Braunschweiger Luftsportvereins für die Registrierung der Luftionisation in Abhängigkeit zur aufsteigenden Höhe. Das „merkwürdige“ Resultat seiner Messungen, dass die Ionisierung allmählich abnahm, dann aber doch wieder anstieg, führte er auf einen Defekt an der Messeinrichtung zurück. Bergwitz soll damit dem Rat eines älteren Kollegen gefolgt sein, der ihn davor gewarnt hatte, sich bei einer anderen Interpretation der Messergebnisse wissenschaftlich unmöglich zu machen. Wie sich zeigen sollte, ein Fehler! Denn rund vier Jahre später griff der Österreicher Viktor F. Hess die Sache auf und unternahm 1912 seinerseits einen Ballonaufstieg. Ihm gelang dabei der Nachweis einer aus dem Weltraum auf die Erde eintreffenden, ionisierend wirkenden Strahlung. Hess erhielt für diese Entdeckung der kosmischen Strahlung später den Physik-Nobelpreis. Bergwitz erhielt für seine fundamentalen Vorleistungen 1955 das Bundesverdienstkreuz. Professor Dr. phil.
Karl Bergwitz starb am 14. November 1958. |
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Friedrich Otto Walkhoff (1860 –
1934)
Er arbeitete noch für
weitere zwei Jahre bei seinem zahnmedizinischen Lehrer und späteren
Schwiegervater als Assistent. 1885 kehrte Walkhoff nach Braunschweig zurück, wo
er eine Zahnarztpraxis übernahm. In einem Nebenraum der Praxis richtete er
sich ein Privatlabor ein. Die Anatomie und
Histologie des Zahnapparates bestimmte in der ersten Zeit seine forschende
Tätigkeit. Mit Publikationen, unter anderem über den Feinbau des
Zahnschmelzes und mit einem histologischen Atlas der Zähne, profilierte er
sich als Wissenschaftler. Wissenschaftliche Gesellschaften und
Standesorganisationen verliehen ihm Auszeichnungen und ernannten ihn zum
Ehrenmitglied. Der Regent des Herzogtums Braunschweig würdigte die
wissenschaftlichen Leistungen Walkhoffs 1895 mit der Ernennung zum
Hofzahnarzt. Unmittelbar nach
bekannt werden der Entdeckung Röntgens, im Januar 1896, unternahm Walkhoff
mit einer improvisierten Röntgeneinrichtung den Versuch, seine eigenen Zähne
intraoral zu fotografieren. „Die notwendige Expositionszeit von 25 Minuten
(!) war eine Tortur“, beschrieb er später die in Fachkreisen als sensationell
aufgenommene Pioniertat. Walkhoff arbeitete
weiter an der zahnmedizinischen Röntgendiagnostik. Mit qualitativ immer
besseren Aufnahmen von Zähnen und Schädelknochen und deren diagnostischer
Interpretation lieferte er Impulse für die Zahnheilkunde, sich der
Röntgentechnik zu bemächtigen. In seiner Praxis betrieb er bald planmäßig
eine Röntgeneinrichtung. Schließlich beauftragte ihn die Braunschweiger
Ärzteschaft mit der Einrichtung und Betreuung einer zentralen Röntgenstation. Die gleiche
Aufmerksamkeit wie die Entdeckung der Röntgenstrahlen, weckte bei Walkhoff
die Entdeckung des Radiums im Jahre 1898. Unter Verwendung einer heute schier
unvorstellbaren Menge von 0,2 g Radiumbromid ging er gewebsbeeinflussenden
Wirkungen der Strahlung nach. Die von Walkhoff – zum Teil in Selbstversuchen
- eingeleitete Serie von Beobachtungen der Gewebsreaktionen auf
Radiumstrahlen hat dann zur Ausbildung
der medizinischen Strahlenforschung geführt. Von besonderer
Tragweite für die Medizin wurden Walkhoffs Untersuchungen an Mäusen. Er
beobachtete, dass krebskranke Tiere, die einer Radiumstrahlung ausgesetzt
wurden, signifikant später starben als eine unbehandelte Vergleichsgruppe. Er
leitete damit die Entwicklung der Radiumtherapie zur Behandlung von Tumoren
ein. 1901 gab Otto
Walkhoff seine Privatpraxis in Braunschweig auf und folgte einer Berufung an
das zahnärztliche Institut der Universität München. 1922 wechselte er von
dort an die Universität Würzburg. In grundlegenden Forschungsprojekten
befasste er sich mit der Feinstruktur und der Pathologie der Zähne. Mit Energie und
Ausdauer widmete sich Walkhoff auch organisatorischen Aufgaben seines
Berufsstandes. Hier ist es ihm beispielsweise maßgeblich zuzuschreiben, dass
der Zahnärztestand 1918 durch die Promotionsmöglichkeit zum „Doctor medicinae
dentariae“ in den Kreis der Vollakademiker aufgenommen wurde. 1927
legte Walkhoff nach Querelen um seine Person verärgert und frustriert alle
seine Ämter nieder, beendete seine Lehrtätigkeit und zog sich ins Privatleben
zurück. Im Hause seiner Schwiegereltern, in Berlin-Lichterfelde, wo er seine
letzten Lebensjahre verbrachte, ist er am 8. Juni 1934 an Herzversagen
gestorben. |
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Siegfried Loewenthal (1869 – 1951)
Loewenthals Interessen und Tätigkeiten als Mediziner gingen weit über die Neurologie hinaus. Er befasste sich beispielsweise mit der Entwicklung der Röntgentiefentherapie. Zwischen 1906 und 1914 legte er Grundlagen für die medizinische Radiumforschung und die Einführung von Strahlentherapien in der Balneologie. Im Ersten Weltkrieg widmete sich Loewenthal wieder verstärkt nervenärztlichen Fragen. Dafür wurde er 1918 mit dem „Eisernen Kreuz am weißschwarzen Bande“ ausgezeichnet. Nach 1918 engagierte er sich darüber hinaus in Braunschweig in der Jugendfürsorge. Schon nach kurzer Zeit hatte sich Siegfried Loewenthal unter seinen Braunschweiger Berufskollegen Ansehen verschafft. Als Mitherausgeber der Fachzeitschrift „Strahlentherapie“ gewann Loewenthal über Braunschweig hinaus gehende Geltung. Die Berliner Radiologen-Gesellschaft beispielsweise, ist mit auf seine Initiative hin gegründet worden; auch dem Radiumstandard die Maßeinheit Curie zu geben, geht – nach eigenen Angaben – auf seinen Vorschlag zurück. Ansehen und
wissenschaftliche Leistungen zählten unter dem sich ab 1933 epidemisch
ausbreitenden Nationalsozialismus nicht. Im November 1935 entzog sich
Siegfried Loewenthal den unerträglich werdenden Repressalien. Zusammen mit
seiner Ehefrau Josefine Erlanger (1871-1958), Tochter Charlotte (1899-1958)
und den Söhnen Erich (1905-1959) und Uri (geb. 1934) emigrierte er nach
Palästina. Er setzte hier unvermittelt sein ärztliches Engagement fort und
beteiligte sich in Tel Aviv unter anderem am Aufbau einer
radiumtherapeutischen Praxis. Im Juli 1951 starb Siegfried Loewenthal in
Ramoth-Hashavim. |
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Alfred Sternthal (1862 – 1942)
Sternthal war
wegbahnendes Mitglied des Braunschweiger Vereins für Gesundheitspflege.
Besondere Aufmerksamkeit erlangte er, als er sich für die Bekämpfung von
Geschlechtskrankheiten durch öffentliche Aufklärung einsetze. Unmittelbar
nach der Entdeckung der Röntgenstrahlen befasste sich Sternthal mit deren
medizinischen Anwendungen und entwickelte dermatologische Strahlentherapien. Im Jahre 1905 wurde er Oberarzt
am Braunschweiger Roten-Kreuz-Krankenhaus. Die Übernahme der Leitung der
dermatologischen Abteilung am Landeskrankenhaus verwehrte man ihm wegen
seines jüdischen Glaubens. Alfred Sternthal war verheiratet mit
Paula Edelstein (1869-1942) und hatte zwei Kinder. Der Sohn Friedrich
(1889-1964) machte später als Journalist von sich reden. Die Tochter Ilse
(1895-1949) entwickelte sich zu einer ausgezeichneten Pianistin. Als junge
Frau organisierte sie regelmäßig in ihrem Elternhaus stattfindende Kammermusikabende,
an denen auch Mitglieder der Hofkapelle teilnahmen. Ilse Sternthal
verheiratete sich mit Paul Tachau, einem Assistenzarzt in Sternthals Praxis. Anfang 1936 emigrierte Alfred Sternthal mit der Familie in die USA. Er starb am 24. April 1942 in Chicago. |
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Louis Müller-Unkel (1853 – 1938)
Der Tradition in seiner Familie folgend, lernte Louis Müller-Unkel das Glasbläserhandwerk. 1886 wechselte er nach Bonn, in die von Heinrich Geißler gegründete Werkstatt. Das inzwischen von Franz Müller geführte und nicht nur in Wissenschaftlerkreisen hoch angesehene Unternehmen war Anziehungspunkt für begabte Glasbläser, eine Art Meisterschule. In Wolfenbüttel beschäftigten sich zu dieser Zeit die Physiker Elster und Geitel mit elektrischen Leitungsvorgängen in Gasen. Sie benötigten dafür technologisch anspruchsvolle Glasgebilde, für deren Anfertigung professionelle Hilfe erforderlich war. Man wandte sich an die renommierte Bonner Werkstatt. Hier wurde der junge, handwerklich begabte Louis Müller-Unkel mit der Ausführung des Auftrages betraut. Dieser sah in den noch weiter zu erwartenden Aufträgen aus Wolfenbüttel günstige Voraussetzungen für eine selbstständige Existenz und ging 1888 nach Braunschweig. In der Nähe der Technischen Hochschule eröffnete er eine eigene Glasbläserwerkstatt. Den ersten Auftrag, den er hier für Elster und Geitel ausführte, war ein evakuierter Glaskörper mit eingeschmolzenem Kathoden-Glühdraht und einer gegenüberliegenden Anode in Form eines runden Metallplättchens als Anode. Es ist der Vorläufer der in der Elektronik lange unverzichtbaren Glühkathodenröhren, in diesem Fall eine Glühkathodendiode. Elster und Geitel erforschten den äußeren lichtelektrischen Effekt. In diesem Zusammenhang gelangten sie zur Erfindung der Fotozelle. Der Hersteller der lichtelektrischen Zellen war wiederum Louis Müller-Unkel. Er war alsbald in der Lage, Fotozellen in jeder gewünschten Ausführung anzufertigen. Müller-Unkel führte seine Arbeiten mit hohem fachlichen Anspruch aus. Das sprach sich herum. Heinrich Hertz, Philipp Lenard, Conrad Röntgen und viele andere traten zu dem Braunschweiger Glastechniker in Kontakt. Er war dadurch an Entdeckungen und Entwicklungen beteiligt, die tief in die Ausprägungen unserer Zivilisation eingriffen. Wie neuere Forschungen zur Entdeckungsgeschichte der Röntgenstrahlen ergeben haben, waren es Gasentladungsröhren die Müller-Unkel für Röntgen anfertigte, mit denen dieser am Abend des 8. November 1895 seine sensationelle Beobachtung der körperdurchdringenden Strahlung machte. Als sich dann die Entdeckung der Röntgenstrahlen wie ein Lauffeuer verbreitete und eine riesige Nachfrage nach „Röntgenröhren“ entstand, verkündete Müller-Unkel, er könne Röhren „genau nach der Vorschrift des Hrn Prof. Röntgen“ liefern. Die Fertigung von Gasentladungsröhren und Fotozellen bestimmte die ersten Jahre Müller-Unkels Wirken. Die in seinem ersten Firmenprospekt bereits aufgeführten „Chemischen Apparate“ belegen jedoch, dass er durchaus um weitergehende Kontakte zu Braunschweiger Wissenschaftlern bemüht war. 1913 reduzierte er, wahrscheinlich aus Altersgründen, sein Unternehmen auf eine reine Reparaturwerkstatt. Im April 1931 meldete er schließlich, mittlerweile achtundsiebzigjährig, sein Gewerbe ab. Seinen Lebensabend verbrachte
er in der Nähe seiner alten Heimat, im thüringischen Rudolstadt, betreut von
seiner Schwester und zwei Nichten. Im Alter von 85 Jahren ist Louis
Müller-Unkel am 23. Februar 1938 gestorben. |
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Richard Müller-Uri (1859 – 1929)
Zur Ausbildung seiner kaufmännischen Kenntnisse besuchte er Kurse an Wirtschaftsschulen, darunter in England und Ungarn. Auch an seinen naturwissenschaftlichen Kenntnissen, die ihm als Instrumentenbauer zugute kamen, die ihm die wissenschaftliche Durchdringung seiner Fabrikate ermöglichten, arbeitete er, indem er Physikvorlesungen bei Heinrich Hertz und Vorlesungen in Chemie bei August Kekulé von Stradonitz besuchte. 1894 folgte Richard Müller-Uri dem Ruf seines Vetters Louis Müller-Unkel und stieg als Teilhaber in dessen Geschäft in Braunschweig mit ein. Unterschiedliche Auffassungen über die Unternehmensführung sorgten jedoch dafür, dass sich beide nach nur wenig mehr als einem Jahr wieder trennten. Müller-Uri gründete in Braunschweig eine eigene Produktionswerkstatt für Gasentladungsröhren, die er auf den „Handel mit chemischen und physikalischen Apparaten und Utensilien“ ausweitete. Richard Müller-Uri blieb bestrebt, über Entwicklungen in der Physik und Technik informiert zu sein. Er besuchte an der Braunschweiger Technischen Hochschule Vorlesungen und er trat dem Verein für Naturwissenschaften bei. Geschäftstüchtig nutzte er seine Hochschulkontakte und seine Mitgliedschaft in dem naturwissenschaftlichen Verein, indem er regelmäßig über Neuerungen im Instrumentenbau referierte. Mehrfach hat er an Versammlungen der Gesellschaft Deutscher Naturforscher und Ärzte teilgenommen und hier ebenfalls über Produkte aus seiner Werkstatt referiert. Erkannte er bei den Besuchen von Vorlesungen und wissenschaftlichen Vorträgen apparative Schwächen gezeigter Demonstrationsexperimente, versuchte er sie durch eigene Gerätekonstruktionen zu beheben. Beispielsweise fertigte er Gasentladungsröhren in „extragrossen Abmessungen“ an, damit Entladungserscheinungen „auch für weniger scharfe Augen in den grössten Auditorien noch auf den weiter abliegenden Plätzen sichtbar“ wurden. Für die Demonstration von Spektralröhren, als ein weiteres Beispiel seiner technologischen Entwicklungen angeführt, konstruierte er eine Kammer, in der gleich mehrere Röhren untergebracht werden konnten. Über einen Revolvermechanismus ließen sich diese der Reihe nach in Betrachtungsposition bringen. Auf beeindruckende Weise gelang es Richard Müller-Uri, sich in den rasant entwickelnden Markt für Röntgenröhren einzuschalten. Er entwickelte eine Röhre, die speziell für die Strahlenbehandlung von Hauttuberkulose (Lupus) ausgerichtet war. Insgesamt brachte er 34 durch Patent geschützte Gerätekonstruktionen heraus. Müller-Uri scheint mit einer gehörigen Portion Unternehmermut ausgestattet gewesen zu sein und ein Gespür für zukunftsweisende Entwicklungen gehabt zu haben. So nahm er ein in Amerika entwickeltes Beleuchtungssystem in sein Vertriebsprogramm auf, obwohl dieses von Physikern und Technikern hart kritisiert und geringschätzig bewertet wurde. Es handelte sich um den Vorläufer unserer heutigen Leuchtstoffröhren. Richard Müller-Uri vertrieb neben eigenen Fabrikaten zunehmend Produkte anderer Hersteller. Er baute ein Unternehmen auf, das man heute wohl kurz als Lehrmittelfirma bezeichnen würde. Regelmäßig herausgegebene Produktinformationen, ein auf 280 Seiten anwachsender, reich bebilderter und mit mehrsprachigem Index versehener Katalog, zeugen von einer erfolgreich verlaufenden Geschäftsentwicklung. Überall auf der Welt, an Schulen, Universitäten und in Museen, finden sich heute noch Geräte des Braunschweiger Unternehmens. Das Deutsche Museum in München präsentiert zwei schöne Gasentladungsröhren (Blume, elektrisches Ei) in der Dauerausstellung. Richard Müller-Uri
starb am 5. Juli 1929 nach einem Schlaganfall. Am 12. Dezember 1950 wurde das
Unternehmen „Richard Müller-Uri – Glastechnische Erzeugnisse,
Laboratoriumsbedarf, Apparate für chem. u. phys., meteorol. u. bacteriol.
Institute“, das von seiner Familie weiter geführt worden war, aus dem
Handelsregister gelöscht. |
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Günther & Tegetmeyer, wissenschaftlicher Instrumentenbau in Braunschweig Oscar Günther (1863 – 1933)
Ein Jahr nachdem Oscar Günther in Braunschweig seine Arbeit aufgenommen hatte, machte er sich mit einer „Werkstatt für Praecisions-Mechanik“ selbstständig. Neben diversen Instrumenten für das Vermessungswesen gehörten auch Schraffier-Maschinen für Xylografen zu seinem Fertigungsprogramm. Für Koppe-Theodoliten besaß er die Exklusivrechte. Exklusiv fertigte er auch einen von dem Braunschweiger Mathematiklehrer Dr. Karl Hildebrandt entwickelten Proportionalzirkel. Weit über Braunschweig hinausgehende Bekanntheit erlangte Günther mit der Bereitschaft, auf Sonderwünsche von Kunden einzugehen. Beispielsweise wandte sich Fridtjof Nansen 1892 an ihn und bat um die spezielle Anfertigung von Instrumenten für eine geplante Polarexpedition. Um 1900 zeichnete sich für den Instrumentenbau eine neue Sparte ab. Forschungsinstitute und Wissenschaftler aus der ganzen Welt orderten zunehmend Geräte, die für den Einsatz auf dem hochaktuellen Gebiet der Radioaktivität vorgesehen waren. Oscar Günther holte sich mit Otto Tegetmeyer einen qualifizierten Mitarbeiter in die Werkstatt. Nachdem Tegetmeyer seine Meisterprüfung abgelegt hatte, unterzeichneten beide am 1. April 1901 einen Gesellschaftervertrag, mit dem sie die „Günther & Tegetmeyer oHG – Werkstatt für wissenschaftliche und technische Praecisions-Instrumente“ gründeten. Der wissenschaftliche Apparatebau (Elektrometer, luftelektrische Messapparate, lichtelektrische Fotometer, Ionisationsapparate) entwickelte sich gut. Man stellte zusätzliche Mitarbeiter und vergrößerte die Fabrikationsstätte. „Günther & Tegetmeyer“ war bis zu den 1920ger Jahren zu einem weltbekannten, den Markt insbesondere im Apparatebau für kernphysikalische Messungen beherrschenden Unternehmen herangewachsen. Gegen Ende 1932
erkrankte Oscar Günther so schwer, dass er seine Geschäftsausgaben nicht mehr
wahrnehmen konnte. Er starb am 26. März 1933. Otto Tegetmeyer (1875 – 1960)
Unmittelbar, nachdem Tegetmeyer seine Meisterprüfung abgelegt hatte, gründeten beide im April 1901 die Firma Günther & Tegetmeyer. Man fertigte verschiedenste Elektrometertypen, Apparate zur Bestimmung der Radioaktivität von Luft-, Wasser- und Bodenproben, Fotometer und Apparate zur Beobachtung der atmosphärischen Elektrizität. Zwei Mal, 1904 und 1910, war Günther & Tegetmeyer für Deutschland mit Fabrikaten auf Weltausstellungen vertreten. Von jeder dieser Ausstellungen kehrte man mit einer Auszeichnung zurück. In der Fachliteratur finden sich etliche Darstellungen von Forschungsprojekten, in denen auf die Verwendung von Geräten der Braunschweiger Werkstatt hingewiesen wird. Beispielsweise entdeckte Viktor Hess die Kosmische Strahlung mit einem bei Günther & Tegetmeyer gefertigten Instrument; Carl Dorno erforschte die UV-B-Strahlung mit Fotometern von Günther & Tegetmeyer. Im Deutschen Museum in München werden Instrumente von Günther & Tegetmeyer als „Meilensteine der Forschung und Technik“ präsentiert. Als Oscar Günther gestorben war, führte Tegetmeyer das Unternehmen allein verantwortlich weiter. Es gelang ihm, trotz sich einstellender Schwierigkeiten (Wirtschaftskrisen, politische Zwänge), die bedeutende Position des Unternehmens zu halten. In der Nacht vom 14. auf den 15. Oktober 1944 wurde das Fabrikgebäude bei einem Bombenangriff auf Braunschweig zerstört. Otto Tegetmeyer baute darauf im Keller einer Schule eine neue Produktionsstätte auf; zwei Teilhaber brachten neues Kapital in das Unternehmen. Ein sicher geglaubter Großauftrag verführte dazu, in finanzielle Vorleistungen zu gehen. Das Zustandekommen des Geschäfts scheiterte jedoch. Ebenfalls verlustbringend entwickelte sich der Versuch, mit einer Spielautomatenfirma in Salzgitter zu kooperieren. Tegetmeyer wandte sich schließlich gegen Ende 1949 hilfesuchend an das Braunschweiger Zweigwerk von Hartmann & Braun. Dort stellte man Finanzmittel und Werkstatträume zur Verfügung. 1951 feierte Günther & Tegetmeyer das 50jährige Firmenjubiläum. Für sein persönliches Engagement in der Handwerkskammer – er gehörte etliche Jahre dem Prüfungsausschuss an – ernannte man Otto Tegetmeyer zum Ehrenmeister. Ein Jahr später gab er die Firmenleitung ab. Man machte die Günther & Tegetmeyer GmbH zur Tochtergesellschaft der Hartmann & Braun AG. 1958 wurde das Unternehmen aus dem Handelsregister gelöscht. Otto Tegetmeyer starb
am 21. August 1960, vier Wochen nach Vollendung seines 85. Lebensjahres.
Seine letzte Ruhestätte erhielt er im Familiengrab in Leipzig. |
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Samuel Spier (1838 – 1903)
Anschließend studierte Spier in Gießen Philosophie und Naturwissenschaften für das Lehramt. 1862 war er schließlich Lehrer am sogenannten „Brüsselschen Institut“ in Segnitz bei Würzburg. Im Herbst 1864 wechselte Spier als „erster Lehrer“ an die Samsonschule nach Wolfenbüttel. Spier war liberal und demokratisch beeinflusst aufgewachsen. Politisch ambitioniert, trat er in Wolfenbüttel als Anhänger des deutschen Nationalvereins auf. Er schrieb für das liberale Braunschweiger Tageblatt. Im Geiste des Nationalliberalismus engagierte er sich in Wolfenbüttel im Gewerbeverein und im pädagogischen Verein. In Bezug auf die sich in Folge der Industriellen Revolution immer schärfer entwickelnden sozialen Nöte der Arbeiterschaft vertrat er die linksliberale Position der Selbsthilfe. Volksbildung war für Spier ein Beitrag zur Selbsthilfe und so gehörte er, als 1865 in Wolfenbüttel ein Arbeiterbildungsverein gegründet wurde, nicht nur zu den Gründungsmitgliedern, sondern er wurde zum Motor der Gruppe. Spiers Tätigkeit in dem Arbeiterbildungsverein brachte es mit sich, dass er mit den Lehren Lassalles konfrontiert wurde. Die Auseinandersetzung damit ließ ihn in seiner bisherigen Ideologie ins Wanken geraten. Er trat schließlich dem ADAV bei und rief in Wolfenbüttel Ende Juni 1867eine Ortsgruppe ins Leben. Sehr bald beurteilte er jedoch die undemokratischen Strukturen des ADAV kritisch. Er avancierte zu einem der heftigsten Kritiker des Vorsitzenden und Lassalle Nachfolgers Johann Baptist v. Schweitzer, der die Schwächen in der Satzung zu einem autokratischen Führungsstiel ausnutzte. Nachdem er mit seinen Reformbemühungen gescheitert war, initiierte Spier schließlich 1869 ein Treffen mit August Bebel, Wilhelm Liebknecht, Wilhelm Bracke und noch einigen anderen führenden Persönlichkeiten der Arbeiterbewegung und man vollzog mit der Gründung der „Socialdemokratischen Arbeiterpartei Deutschlands“, kurz SDAP genannt, die Trennung vom ADAV. Spier hatte visionäre Vorstellung von einer geänderten Gesellschaftsstruktur und die verfolgte er beharrlich. Er war zugleich aber auch ein Pragmatiker. So äußerte er öffentlich nie radikale Ansichten. Vielmehr warnte er immer wieder vor zu umstürzlerischen Forderungen, die nach seiner Sicht nur den umso größeren Widerstand der Staatsgewalt herausfordern würden. Dieser scheinbare Widerspruch den er verkörperte – zielstrebiges Verfolgen einer veränderten Gesellschaftsstruktur, auf der anderen Seite Ferne von jeder Radikalität–, seine Mittlerstellung zwischen einzelnen Strömungen der Arbeiterbewegung und seine nie abgerissenen Kontakte zu den Liberalen, machten ihn zu einem der einflussreichsten Männer der frühen deutschen Demokratiebewegung. 1871 musste sich Spier in einem spektakulären Gerichtsprozess der Anklage des Landesverrates erwehren, weil er sich nach der Schlacht bei Sedan in einem Manifest gegen die Fortführung des Krieges gegen Frankreich ausgesprochen hatte. Von der für Spier geforderten mehrjährigen Freiheitsstrafe blieb im Urteil jedoch nur 2 Monate Gefängnis übrig. Dennoch wurde es still um Spier. Er ging nach der Haftentlassung nach Segnitz und übernahm hier die Leitung des „Brüsselschen Instituts“, jener Internatsschule, an der er bereits von 1862 bis 1864 als Junglehrer tätig gewesen war. 1881 erfolgte die Auflösung der Internatsschule und Spier zog mit seiner Familie – er hatte in Segnitz geheiratet und mit seiner Frau drei Kinder – nach Frankfurt am Main. Hier ist er am 9. November 1903 gestorben. Ob er auch in Frankfurt begraben wurde, und wo, ist unbekannt. |
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Georg Wilhelm Traugott Albert
Schelz (1875 – 1949)
Er trat der SPD bei und übernahm bereits wenige Wochen später die Berichterstattung für den „Volksfreund“. Nur ein halbes Jahr nach seinem Eintritt in die SPD wählte man ihn zum Vorsitzenden des Wolfenbütteler Ortsvereins, dessen Mitglieder heillos untereinander zerstritten waren. Schelz gelang es, die Lager der Ortsgruppe zusammenzuführen und die politische Arbeit der Mitglieder auf gemeinsame Ziele zur konzentrierten. Einen besonderen Erfolg seiner Arbeit brachte die Stadtverordnetenwahlen am 7.10.1909. Albert Schelz wurde als erster Sozialdemokrat überhaupt, in das Wolfenbütteler Stadtparlament gewählt. Der erste Weltkrieg, in dem auch Albert Schelz als Soldat verpflichtet wurde, unterbrach die politischen Aktivitäten des Wolfenbütteler Schriftsetzers. Er trat aber nach Kriegsende sofort wieder politisch in Erscheinung. Im Wolfenbütteler Arbeiter- und Soldatenrat gehörte er zu den Personen, die mit Besonnenheit die Neustrukturierung in der Stadt betrieben. Am 22. Dezember 1918 zog er zudem für die MSPD als Volksbeauftragter auch in den Braunschweiger Landtag ein. 1919 berief ihn hier Dr. Heinrich Jasper zum Minister für Volksbildung, ein Amt das Schelz mit der ihm eigenen Gründlichkeit bis in das Jahr 1924 ausfüllte. Zwischendrin folgte ein Schritt in der politischen Laufbahn von Albert Schelz, den er nur sehr widerwillig und nach starkem Druck aus den Reihen seiner Parteifreunde ging. Er trat im September 1919 in Schöningen bei den Wahlen zum Bürgermeister als Kandidat der MSPD an. Ministerpräsident Jasper und Innenminister Gustav Steinbrecher hatten mit seiner Kandidatur die Wahl des als revolutionärem Querkopf gefürchteten Sepp Oerter von der USPD verhindern wollen. Die Rechnung ging auf. Unterstütz vom bürgerlichen Lager wurde Schelz zum Bürgermeister gewählt. Wiederum auf Betreiben von Dr. Jasper wurde Albert Schelz im Mai 1928 Kreisdirektor von Holzminden. Es hatte zunächst seitens der konservativen Bürgerschaft Vorbehalte gegen den Sozialdemokraten gegeben. Nachdem man jedoch erkannte, dass er Verwaltungsgeschick besaß und er auch persönlich zu überzeugen vermochte, amtierte Schelz mit breiter Unterstützung des Kreistages. Anfang der Dreißigerjahre wurde Schelz von der in Braunschweig bereits sehr früh etablierten nationalsozialistischen Regierung aus dem Amt getrieben. Nach Kriegsende machten ihn die Alliierten zum kommissarischen Landrat für den Landkreis Holzminden. Albert Schelz ist am
22.April 1949 im Alter von 74 Jahren in Holzminden gestorben. |
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Eugen Sierke (1845 – 1925)
In seiner ersten beruflichen Station schrieb er für die Hartungsche Zeitung Theater- und Literaturkritiken. Danach wechselte er zur Berliner Tägliche Rundschau. Nach einer sich anschließenden knapp einjährigen Redakteurstätigkeit in Hannover, kam Sierke 1874 nach Braunschweig. Er übernahm beim Braunschweiger Tageblatt die Aufgabe des Chefredakteurs. 1895 gab Sierke die Stellung auf. Als das Tageblatt dann 1897 in der Braunschweigischen Landeszeitung aufging, holte man Sierke in den Redaktionsstab zurück. Man übertrug ihm die Verantwortung für den Tagesteil. Bald darauf war er auch bei der Braunschweigischen Landeszeitung deren Chefredakteur. Über die gesamte Zeitspanne seiner Redakteurstätigkeit blieb Eugen Sierke als Kulturhistoriker aktiv. Viel beachtet waren beispielsweise seine 1881 erscheinenden „losen Studienblätter über das moderne Theater.“ Die Unabhängigkeit der Presse und die Wahrung von Persönlichkeitsrechten gehörten für Eugen Sierke zu den Grundwerten der journalistischen Arbeit. Für diese Grundwerte setzte er sich unter anderem im Reichsverband der Deutschen Presse sowie als Vorsitzender in der niedersächsischen und der braunschweigischen Untergliederung des Berufsverbandes ein. Sierkes Anspruch der politischen Unabhängigkeit der Presse dokumentiert sich in zahlreichen seiner Artikel. Kritisch beurteilte er Vorhaben und Entscheidungen von Reichs- und Landesregierung. Kuragiert forderte er gegen Ende des ersten Weltkrieges die Einführung eines gleichen und geheimen Wahlrechts im Herzogtum Braunschweig. Sein journalistischer Mut trug Eugen Sierke verschiedentlich Probleme ein. So musste er sich mehrfach juristisch gegen Verleumdungen von Pressekollegen zur Wehr setzen. Auf einen von ihm verfassten Artikel reagierte eine oldenburgische Prinzessin mit einer Beleidigungsklage und er musste für drei Monate im Gefängnis einsitzen. In Braunschweig war Eugen Sierke insbesondere wegen seines kommunalen Engagements bekannt. Er gehörte unter anderem dem Verein für Volksgesundheit an. Beherzt und ausdauernd setzte er sich für die Verbesserung der hygienischen Verhältnisse in der Stadt ein. Dabei scheute er sich nicht, Tabuthemen anzusprechen. Unerschrocken forderte er, der um sich greifenden Zunahme von Geschlechtskrankheiten durch öffentliche Aufklärungsmaßnahmen zu begegnen. Sierke gehörte in Braunschweig auch dem nationalliberalen Wahlverein an und war als Schriftführer im Vorstand aktiv. Einige Daten in seiner Biografie deuten darauf hin, dass er innerhalb der Nationalliberalen zum linken Flügel gehörte. Im Alter von achtzig
Jahren ist Eugen Sierke am 21. November 1925 gestorben. Zu seinem Tode
schrieb die Braunschweigische Landeszeitung: „Jahrzehntelang hat er in klarem
Wollen und mit zielsicherem Blicke seine hohen Geistesgaben in den Dienst
unserer Zeitung ... gestellt.“ |
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Fragen oder Hinweise bitte an Rudolf Fricke richten. |